Liebe Ostelsheimerinnen und Ostelsheimer,
mein Name ist Ryyan Alshebl. Ich bin 29 Jahre alt, ledig und arbeite in der Verwaltung der Gemeinde Althengstett und möchte Bürgermeister der Gemeinde Ostelsheim werden!
Um mich Ihnen vorzustellen, werde ich im Folgenden meinen Lebenslauf skizzieren:
Ich wurde 1994 in Syrien geboren, als Sohn einer Gymnasiallehrerin und eines Agraringenieurs. Meine Eltern gehören der drusischen Glaubensgemeinschaft an, die etwa 3 Prozent der Bevölkerung Syriens ausmacht. Bis zum Alter von 20 Jahren verlief mein Leben so, wie es sich jeder ambitionierte junge Mensch hierzulande vorstellt. Ich ging zur Schule, legte 18jährig das Abitur ab und nahm danach ein Studium der Finanzwissenschaft und der Bankbetriebslehre auf.
Flucht und flüchtende Zukunft
Bereits mit 21 Jahren, also in einem Alter, in dem ein junger Mensch üblicherweise entweder gerade mit einer Berufsausbildung fertig wird und mit dem ersten, moderat bezahlten Job beginnt, vielleicht auch sich mitten in einem Studium befindet; in dieser Lebensphase, in der meine größten Sorgen darin bestehen könnten, mir die attraktivste Party am Samstagabend nicht entgehen zu lassen oder möglicherweise die Championsleague-Spiele zu verfolgen und mit meiner Lieblingsmannschaft mitzufiebern, musste ich mich einem Überlebenskampf stellen.
Denn im Jahr 2015 stand ich wie viele Menschen meiner Generation in Syrien vor einem Dilemma: Entweder musste ich den Kriegsdienst leisten und somit mich gezwungenermaßen zu Gunsten einer Kriegspartei im Krieg verheizen zu lassen, oder das Land verlassen und mich einem ungewissen Schicksal hingeben. Bedingungslos habe ich mich diesem Schicksal hingegeben und mich auf den Fluchtweg begeben.
Heimat, Familie, Freunde, Studium und Zukunft waren irgendwie selbstverständlich, sind immer da gewesen. Doch plötzlich wacht man auf der kalten, dunkeln Flucht auf und realisiert: Alles, was selbstverständlich war, ist nicht mehr da!
Verantwortung
Es war das erste Mal, dass ich den Schutz der Familie und des Umfelds spürbar verloren habe. Es war ein befremdliches, nie dagewesenes Gefühl. Plötzlich stand ich allein da!
Doch eins war klar, ich musste Verantwortung übernehmen. Verantwortung für mich und meine Umgebung. Seitdem ist mein Tun und Handeln von dieser Maxime dominiert: Verantwortung.
Neue Heimat, neuer Anfang
Es musste keine lange Zeit vergehen, bis ich realisierte: von diesem Moment an hatte sich alles geändert, das war der Wendepunkt, ab da beginnt für mich eine neue Zeitrechnung.
Nach einer mehrere Wochen dauernden Flucht, in der es von der einen Not- zur anderen Sammelunterkunft ging, landete ich bei den Schwaben. Dort hatte ich das Privileg, gleichzeitig zwei neue Sprachen erlernen zu dürfen. In der neuen Heimat freute mich, viele tolle, engagierte Unterstützer kennenzulernen, die es mir leichter machten, erneut auf eigenen Füßen zu stehen.
Ein Aristoteles zugeschriebenes Zitat besagt:
„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“
Der alte Grieche wollte wohl damit ausdrücken, dass man sich in jeder Lebenslage der Realität stellen und das Beste daraus machen soll.
Von Calw-Wimberg nach Althengstett
In einer Gemeinschaftsunterkunft, in der der Anspruch nicht über ein Bett, ein Dach und ein paar Lebensmittel hinausgehen darf, für die man aber selbstverständlich sehr dankbar ist, kann man nur eines tun: Schnell wieder auf die Beine zu kommen, und zu beginnen rasch in die eigene Zukunft zu investieren. Man muss erst die Sprache beherrschen, und erst dann kann man sich dem Arbeitsmarkt stellen.
Das Studium konnte ich nicht weiterführen. Doch ich hatte das Glück, dass mir die Gemeinde Althengstett eine duale Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten ermöglichte, worin ich meine Leidenschaft für Politik und Rechtsstaatlichkeit erfüllt fand. Da ich zu den besten fünf Prozent meines Abschlussjahrgangs gehörte, bot mir das Land Baden-Württemberg ein Stipendium im Rahmen der Begabtenförderung an.
Von Betreuungsangeboten für Kinder bis zu Digitalisierung der Verwaltung
Während meiner Ausbildung wurde ich in unterschiedlichen Abteilungen der Gemeindeverwaltung eingesetzt, von den Bürgerdiensten bis zur Bauleitplanung. Im Rahmen des Familienzentrums Althengstett durfte ich auf vielen Gebieten der kommunalen Arbeit administrativ und gestaltend mitwirken. Das Familienzentrum Althengstett gehört als Amt für Bildung, Betreuung und Bürgerengagement zur Gemeindeverwaltung. Es ist außerdem eine „Dachorganisation“ für Aktivitäten der Gemeinde auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Zusammenhalts von der Unterstützung junger Familien bis zu den Seniorenprogrammen. Zuletzt habe ich mit meiner Kollegin Franziska Binczik ein aus Landesmitteln finanziertes Programm zur Verbesserung der Kita-Infrastruktur Althengstetts entwickelt.
Ich habe ein großes Interesse an Informationstechnologie und habe bereits in Syrien aus diesem Hobby während des Studiums eine Einkommensquelle gemacht. Die Zeit der Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in öffentlichen Verwaltungsbetrieben in puncto Digitalisierung viel Aufholbedarf herrscht.
Digitalisierung der Behörden ist nun vor allem eine zentrale gesellschaftliche Forderung. Durch meine Vorkenntnisse und diverse, im Laufe meiner Tätigkeit erworbene Qualifikationen, ist es mir gelungen, auf die Schiene der digitalen Verwaltung umzusteigen.
Ehrenamt und Politik
Ehrenamtlich engagiere ich mich als Leiter der Abteilung Breitensport im Sportverein Althengstett. Politisch bin ich auch engagiert, denn ich bin seit 2017 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Zur Bürgermeisterwahl in Ostelsheim trete ich als parteiunabhängiger Kandidat an.
Ich bin in einer Familie groß geworden, in der politische und gesellschaftliche Fragen sehr viel diskutiert wurden. Meine Leidenschaft für Rechtsstaatlichkeit und Gemeinwesen wurde mir quasi in die Wiege gelegt und ist nie abgeklungen.
Die Vielseitigkeit des Amtes des Bürgermeisters begeistert mich: Die unterschiedlichen fachlichen Themen genauso wie die Zusammenarbeit mit den Menschen in und um Ostelsheim.
Im Rahmen meiner Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten konnte ich viele Themenbereiche bearbeiten: Verwaltungsrecht, Kommunalrecht, kommunales Finanzwesen, Polizeirecht und Bauleitplannung. Als einer der besten Absolventen der Verwaltungsschule erhielt ich sogar ein Stipendiumsangebot vom Land Baden-Württemberg im Rahmen der Begabtenförderung. Ich bin außerdem IT Administrator-IHK und kommunaler Digitallotse-Gemeindetag.
Meine gegenwärtige Tätigkeit in der Verwaltung in Althengstett ist sehr vielfältig, so dass ich in mehreren Bereichen gestaltend mitwirke: Von der Kitaverwaltung bis zum bürgerschaftlichen Engagement zum Breitbandausbau bis hin zur Weiterentwicklung der digitalen Strukturen. Im Übrigen verfüge ich als Verantwortlicher für die interne IT über viele Einblicke in die weiteren Abteilungen der Verwaltung.
Mein Alter ist meine große Chance: Ich kann mich in vollem Umfang auf meine Arbeit konzentrieren, bin unvoreingenommen, offen und kreativ. Dennoch konnte ich bereits viele – teils auch schwierige – Erfahrungen sammeln und bringe Krisenfestigkeit und Willenskraft mit.
Es ist notwendig, dass junge Menschen in verantwortungsvolle Positionen kommen und Verantwortung für ihre Lebensrealität übernehmen. Die Welt unterliegt einem extremen Wandel und es ist eine Pflicht der jungen Menschen, sich in die Gestaltung ihrer Zukunft einzubringen.
Ostelsheim ist wunderschön gelegen zwischen der Metropolregion Stuttgart und dem Nordschwarzwald. Die Gemeinde hat ein großes Potential, das ich gemeinsam mit den Bürger:innen entfalten möchte. Ich freue mich darauf, mit den Ostelsheimer:innen zusammenzuarbeiten, denn ich habe sie als herzlich, weltoffen und engagiert kennengelernt.
Kein Mensch kommt ohne Kontakte und ein sicheres Netz durchs Leben. Einer Gesellschaft – und jeder einzelnen Person darin – kann es nur dann gut gehen, wenn der soziale Zusammenhalt da ist. Kinder, junge Menschen, junge und alte Erwachsene brauchen einander. Ich möchte die Strukturen stärken, die die Menschen zusammenbringen. Denn wer liebt und geliebt wird, ist glücklich.
Vielen Menschen erscheint der deutsche Behördendschungel – zurecht – als völlig undurchschaubar. Als einer der besten Absolventen der Verwaltungsfachschule und jemand, der in täglichem Kontakt mit Vorschriften und Richtlinien etc. steht, kann ich aber sagen: Mit etwas Hingabe ist er durchaus zu bewältigen.
Als Bürgermeister werde ich mich für Transparenz und eine Vereinfachung der Prozesse einsetzen, denn die Bürokratie sollte nie eine Hürde für ein gutes Vorhaben sein.
Als Ostelsheimer Bürgermeister möchte ich unabhängig von einer Partei agieren. Ich möchte mich auf regionale Belange konzentrieren können und hier frei von parteipolitischen Rahmenbedingungen arbeiten.
Meine Eltern gehören der Glaubensgemeinschaft der Drusen an. Dieser eigenständigen, alten Religion gehören etwa 3% der Einwohner:innen Syriens an. Ich selbst praktiziere keine Religion – doch die Gemeinschaft, die aus ihr erwächst, empfinde ich als wertvoll. Ich pflege einen offenen und vorurteilsfreien Umgang mit Menschen verschiedener Glaubensrichtungen – denn Toleranz und gegenseitiges Interesse sind Schlüsselkriterien für ein gelingendes Miteinander.
Hier teile ich mit Ihnen ein paar Eindrücke der vergangenen Jahre